Gründen im Fernsehen

Rose„Mit Liebe gemacht“ –
Gründer-Casting im WDR-Fernsehen

Braucht Deutschland das?

„Mit Liebe gemacht“ heißt die vierteilige Reihe, die derzeit im WDR-Fernsehen läuft. Die erste Reaktion eines Freundes, dem ich davon erzählte: „Muss das sein? Noch ein Casting?“

In den vier Teilen stellen sich vier Menschen vor, die etwas Kreatives herstellen und ihr Hobby zum Beruf machen wollen: Ein Schmied mit Metall-Dessous, eine Polizistin mit Kindermode, eine Schmuckdesignerin mit Silberschmuck aus neuartigem Material und zwei Hamburger Studenten, die Soundsysteme in alte Koffer einbauen.

Ihnen werden Aufgaben gestellt, die sich rund um die Selbstständigkeit ranken. Zum Beispiel, ihr Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln und vorzustellen. Zwei Jurymitglieder bewerten die Ergebnisse.

Gut finde ich, dass dem Thema Selbstständigkeit im Fernsehen so ausführlich Zeit gewidmet wird. Das rechne ich dem WDR hoch an.

Gut finde ich an der Sendung auch, dass mal ausnahmsweise keine Hightech-Startups portraitiert werden, wie sonst in den Medien üblich. Es kommen „ganz normale Leute“ zu Wort, die ihre Talente vermarkten wollen, die entdeckt haben, dass sie etwas besonders gut können und die hoffen, mit ihren Produkten groß raus zu kommen.

Gut finde ich, dass auf der einen Seite zum Vorschein kommt, dass jeder seine Talente nutzen und seiner Intuition in vielen Fällen folgen kann. Beispiel: Das Motiv für das Fotoshooting wurde vom Dessous-Künstler selbst entwickelt. Und das Bild war wirklich großartig! Jeder kann mit ein bisschen Zeit und Nachdenken ohne großes Budget etwas Großartiges entwickeln. Auf der anderen Seite kam wieder mein großes Thema zum Vorschein: Holt euch Rat! Gründer müssen nicht alles selbst können und wenn einmal eine Sackgasse auftaucht, dann kann ein Außenstehender helfen. Es muss nicht immer ein Gründungscoach sein; auch die beste Freundin kann zu Rate gezogen werden.

Das Problem einer Fernsehsendung: Sie verkürzt vieles. Es ist eine Unterhaltungssendung, die viel mehr Potenzial hätte. Die sehr lehrreich sein könnte, für die vielen vielen Menschen in Deutschland, die sich mit dem Gedanken tragen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Ich habe die ersten drei Folgen gesehen und vor allem von dem Abschnitt, als es um die Finanzierung von Unternehmen geht, hatte ich mir wesentlich mehr versprochen.

Die beiden Jurymitglieder und Coaches sind Meister in ihrem Fach. Sie haben in anderen Zusammenhängen sicherlich bewiesen, dass sie Gründer zum Ziel führen können, mit ihrer Idee durchzustarten und damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Warum zeigen sie das in dieser Sendung nicht? Ich hätte mir vor allem beim Thema Finanzierung gewünscht, dass das ausführlich erklärt wird. Welche Tipps haben die Coaches – nicht nur für die Kandidaten? Wie gehe ich als Gründer an das Thema ran? Welche Aspekte sind zu beachten? Das wäre für die Mehrheit der Zuschauer wahrscheinlich langweiliges Fernsehen. Für die zuschauenden Gründer jedoch ein echter Mehrwert gewesen!

Aber: Auf jeden Fall besser als nichts. Es kommen viele Aspekte zur Sprache, mit denen sich Gründer schwertun. Die Kardinalfrage ist immer: Wie viele Produkte musst du denn im Monat verkaufen, um deine Lebenshaltungskosten zu decken? Natürlich reicht da „Einige“ als Antwort nicht aus.

Sehr gespannt bin ich, wie es mit den fünf Teilnehmern weitergeht. Ich drücke ihnen sehr die Daumen, dass sie den Schwung, die Motivation, das Wissen und die Kontakte, die sie durch die Teilnahme gewonnen haben, in Zukunft aktiv nutzen werden.

Sie haben auf jeden Fall durch die Teilnahme an der Sendung Zeit gewonnen, sich mit ihrer Idee zu beschäftigen. Und das wünsche ich vielen Gründern in diesem Jahr! Gönnt euch Zeit! Nehmt euch Zeit! Für eure Ideen, Pläne und eure Zukunft!

Die einzelnen Sendungen kann jeder derzeit (Stand: 9. Januar 2014) noch über die WDR-Internetseite ansehen. Link zu „Mit Liebe gemacht„.

5 Gedanken zu “Gründen im Fernsehen

  1. Hallo Frank,
    herzlichen Dank für Deine wertvolle und realitätsnahe Kritik zu „Mit Liebe gemacht“. Im Wesentlichen stimme ich mit Dir überein. Es gibt allerdings auch ein paar Gründe, für das „Zu kurz kommen“ mancher Thematiken im Zusammenhang mit den Aufgaben. Allem voran ist „Mit Liebe gemacht“ (WDR/einsfestival) ein Pilotprojekt, für das es nur ein reduziertes Budget-, dafür aber umso mehr Befürworter und Verfechter sowie Kreative gab, die versuchen wollten, das Thema umzusetzen und zu vermitteln.

    Es ist auch keine „Casting“-Serie im üblichen Sinne, sondern sie ist als Gründer-Kreativ-Wettbewerb angelegt. So, wie es sie seit Jahrzehnten ähnlich oder anders auch gibt. Beim Fernsehen muss man Formate aber irgendwie „schubladisieren“ und so wurde das „Casting“-Doku Genre verwendet.

    Zunächst waren 5 Folgen mit je 45 Minuten inhaltlich geplant. Leider gab es dann spät nur ein GO für
    5 x 30 Minuten. Damit war klar, dass Inhalte entweder wegfallen oder eben stark gekürzt werden müssen. Aber wenn ein Sender sorgsam mit GEZ Beiträgen umgeht, ist das kein Nachteil für den Zuschauer.
    Es soll mit einer Pilotierung zunächst getestet werden, ob dieses „Gründer“-Thema überhaupt ankommt.
    Ist dem so, erwägt ein Sender, eine erneute ordentliche Produktion zu beauftragen.
    Dies ist aber maßgeblich davon abhängig, ob genug Zuschauer Interesse an dem Thema haben.
    Die Möglichkeiten für die Macher: es trotz aller Umstände versuchen – oder es lassen.

    Weiter steht hinter „Mit Liebe gemacht“ ein nicht unerheblicher vorbereitender Aufwand, der nicht vom WDR/einsfestival gescheut wurde. Immerhin hat dieser Sender das Format pilotiert und damit gezeigt, dass die Verantwortlichen dort das Thema für sehr wichtig halten. Das ist höchst erfreulich. Ich kenne keinen anderen Sender, der das Thema Gründung übehaupt – und wenn, dann nicht in einer derart realen und menschlichen Weise – ins Programm nimmt.

    „Mit Liebe gemacht“ ist also ein Erstlingswerk, bei dem die größte Herausforderung darin bestand,
    die tollen Inhalte auf ein Maß zu kürzen, das nicht einer Verstümmelung gleich kommt.
    An den Aktionstagen/Drehtagen wurde ja weit mehr gestaltet, gearbeitet und gedreht als annähernd
    in 30 Minuten möglich ist zu zeigen. Die Teilnehmer haben weit mehr erlebt, als im Endprodukt zu
    sehen ist. Wir hätten gut und gene auch interessante 60 Minuten-Folgen schneiden können… :-)
    … Wenn man denn zur potentiellen Zuschauer-Zielgruppe gehört…
    Für diejenigen, die alle Inhalte „live“ miterlebt haben und dann das umfangreich vorhandene Material schneiden und das Erlebte „erzählen“, ist es teilweise ein echt schmerzhafter Prozess…
    Und es ist schlimmer, Interessantes das man zeigen sollte wegzulassen, als Uninteressantes in die
    Länge zu ziehen…

    Wir haben uns u. a. natürlich auch gefragt: wie viel „Berechnung“, Zahlen und Strategien verkraftet ein Zuschauer?!? Auch der, der nicht potentieller Gründer ist…
    Die Jury, Claudia Helming und Prof. Dr. Kai Thierhoff, sind definitiv Meister ihres Fachs, und sie haben
    noch viel mehr zu bieten. Und natürlich gab es seitens der Jury Erklärungen und Tipps, die im TV-Format zeitlich keinen Platz finden können. Und wir hätten auch „behind the scene“ gerne noch viel mehr vermittelt. Sollte dieser Wettbewerb also eine Wiederholung erfahren, wird das zu optimieren sein.
    Zudem ist bei Weiterführung ein entsprechend kreatives Prozedere geplant, wichtige Inhalte, Tipps und Tricks über die Sendungen hinaus zu geben.

    Wir glauben, dass die Richtung grundsätzlich stimmt und wir haben jede Sendung mit Liebe gemacht.
    Ich persönlich hoffe sehr, dass es die Chance gibt, diesen Gründer-Kreativ-Wettbewerb fortzuführen.
    Deine vorangegangene Kritik wird dann für etwaige Gespräche sehr gute Dienste tun. Nochmals DANKE!
    (Die Autorin ist Regisseurin/Producer von „Mit Liebe gemacht“)

    Nächsten Montag, am 20.01.2014 läuft das „Mit Liebe gemacht“ Finale
    Folge 5, um 22:45 Uhr im WDR

    Viele Grüße

    • Vielen Dank, Britt, für deine ausführlichen Erläuterungen.
      Ich bin immer dankbar, verschiedene Sichtweisen zu hören und durch den Kommentar deine Fernsehexpertise.

      Schön zu hören, dass weiter gedacht wird und diese Staffel ein Pilot war. Das freut mich sehr. Das Thema Gründung kann nicht oft genug in die Öffentlichkeit geraten. Es geht mir (und hoffentlich euch auch) darum, ein anderes, positiveres Bild und Image von Gründern, Selbstständigen und Unternehmern rüberzubringen. Das muss aus der Nische raus! Und die Chancen und Möglichkeiten müssen für Menschen aller Altersstufen deutlich werden. Nicht nur für die jungen hippen Berliner Start-Up-Kids (die ich auch sehr bewundere!). Sondern auch für diejenigen, die mit sich hadern in ihrem Job, nicht zufrieden sind, große Talente haben und mit ihren Talenten ein neues Betätigungsfeld suchen.

      Also, bitte macht weiter!

      Gerne bin ich bereit in der Planungsphase beim Brainstorming mitzuhelfen. Ich weiß, durch die Organisation der Gründercamps, die ich jährlich für einen Kunden organisiere und durchführe, wie schwer es ist, sich in dem großen Feld auf das Wesentliche zu konzentrieren und auszuwählen!

      Vielleicht gäbe es die Möglichkeit für die sehr interessierten Gründungswilligen parallel online weitere Informationen und Tipps der Experten und Jurymitglieder zur Verfügung zu stellen. Oder im Nachgang Gründerveranstaltungen in NRW anzubieten, in denen ein Forum geboten wird, die Fragen von Gründern zu beantworten und Netzwerke zu bilden. Ich hätte viele, viele umsetzbare Ideen!

      Zunächst aber bin ich wirklich noch einmal dankbar und das habe ich ja auch ganz oben in meinem Kommentar geschrieben, dass es erstens Leute gab, die dem WDR das vorgeschlagen haben und dass der WDR den Mut hatte, das Thema aufzugreifen!

      An alle gründungswilligen Zuschauer: Schreibt dem Team eure Meinung und eure Wünsche. Lasst die Produzenten wissen, dass das Format wichtig ist und weitergeführt werden soll: Kontaktformular der Sendung: http://www.wdr.de/tv/mitliebegemacht/kontakt/

      Oder hinterlasst gerne dazu auch Kommentare hier in meinem Blog! Vielen Dank!

  2. Die vierte Folge letzten Montag passte leider wieder ins Bild: Da ist die Sendung an sich nicht mit Liebe gemacht. Ein schönes Thema und Aufgabe, das Verhandeln mit einem großen Kunden, der in Aussicht stellt, eine große Menge der Produkte abzunehmen. Am Ende fehlte mir wieder eine generelle Sicht auf die Dinge und diverse Tipps, wie ein Gründer und junger Selbstständiger an die Sache rangehen könnte. Da hätten die Coaches mehr gekonnt! Schade!

    Großartig finde ich die Arbeitsweise des Dessous-Schmieds. Seine langjährige Erfahrung, die er einbringt, die Struktur und Gelassenheit, mit der er an Aufgaben herangeht. Ich mag es, dass er sich erst in Ruhe hinsetzt und einen Plan erstellt, eine Zeichnung anfertigt, bevor er ans Umsetzen geht. Kompliment!

  3. Ich erinnere mich vage daran, dass ich die Sendung bzw. eine Episode davon beim rumzappen zufällig gesehen habe. Bin natürlich direkt hängen geblieben, weil ich selbst Selbständig bin.

    Vermutlich war es die erste Episode, in der noch Leute ausgesiebt wurden. Was da teilweise für Begeisterung bei den Teilnehmern war, unglaublich *Ironie*.

    Eine Dame konnte kaum eine Frage zur Monetarisierung beantworten, hat nur rumgestottert und nichts Konkretes erzählt. Andere wiederum konnten halbwegs überzeugen.

  4. Hallo,

    nun das sich das Casting Format langsam aber sicher tot läuft, suchen die Sender verzweifelt immer neue Zielgruppen. Irgendwann ist auch das zu ende und die Menschen haben hoffentlich wieder Ruhe vor dem Casting Format in den Medien.

    Die eigentlichen Probleme des Arbeitsmarktes werden leider nicht dargestellt und wenn dann nur in Abziehbildern um sich darüber lustig zu machen.

    Viele Grüße
    Sven
    (http://kleinanzeigen.ebay.de/anzeigen/s-heimarbeit-mini-nebenjobs/berlin/c107l3331)

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